Wann lohnt sich eine Interim HR Beratung?
Nicht jede HR-Herausforderung kann auf eine Festanstellung warten. Wann erfahrene Interim-Führung den entscheidenden Unterschied macht.
Die eigentliche Frage lautet nicht: Interim ja oder nein — sondern: Wie lange noch warten?
Unternehmen, die eine Interim HR-Führungskraft engagieren, haben in der Regel zu lange gewartet. Die Entscheidung fällt meist erst, nachdem Wochen oder Monate damit verbracht wurden, um eine Vakanz herum zu managen: HR-Aufgaben, die auf Personen verteilt werden, die dafür nicht ausgestattet sind; strategische Initiativen, die ins Stocken geraten, weil niemand die Verantwortung trägt; ein Führungsteam, das HR-Eskalationen absorbiert, die dort nie hätten ankommen dürfen.
Die richtige Frage ist präzise: Braucht die aktuelle Situation jemanden, der die HR-Funktion verantwortet — oder kann die Organisation tatsächlich auf die richtige Festanstellung warten? Für viele Unternehmen in Deutschland lautet die ehrliche Antwort: Ersteres. Personalsuchen auf Direktor- oder CHRO-Ebene dauern sechs bis zwölf Monate vom Suchauftrag bis zum ersten Arbeitstag. Das ist keine pessimistische Schätzung — das ist die realistische Zeitspanne, wenn die Rolle Seniorität, Branchenkenntnisse und kulturelle Passung erfordert. Während dieser sechs bis zwölf Monate wartet das Geschäft nicht.
Fünf Situationen, in denen Interim die richtige Antwort ist
Eine Senior HR-Führungskraft verlässt das Unternehmen — ungeplant oder zu früh
Ob durch Kündigung, Aufhebungsvertrag, Krankheit oder einen Abgang, der nicht zum geplanten Zeitpunkt erfolgt: Das unmittelbare Problem ist nicht nur operativ. In Unternehmen mit Betriebsrat wurde die Betriebsratsbeziehung von jemandem gepflegt, der nun nicht mehr da ist. Laufende Beratungen, bestehende Betriebsvereinbarungen und informelle Absprachen liegen bei dieser Person. Wird die Beziehung auch nur wenige Wochen ungesteuert gelassen, entsteht Risiko. Eine erfahrene Interim-Führungskraft kann diese Beziehungen sofort übernehmen — mit der fachlichen Kompetenz und dem rechtlichen Wissen, um Kontinuität zu gewährleisten.
Eine Restrukturierung oder wesentliche organisatorische Veränderung steht bevor
Restrukturierung in Deutschland ist kein Geschäftsbeschluss, der verkündet und danach gemanagt wird. Es ist ein rechtlich sequenzierter Prozess. Nach §111 BetrVG muss der Arbeitgeber den Betriebsrat vor der Durchführung einer Betriebsänderung unverzüglich und umfassend informieren und mit ihm über einen Interessenausgleich beraten. Dieser Schritt muss vor jeder öffentlichen Ankündigung erfolgen. Ohne erfahrene HR-Führung entstehen Verfahrensfehler, die Entlassungen unwirksam machen und Nachteilsausgleichsansprüche auslösen — mit erheblichen Folgekosten.
Eine Festanstellung ist gescheitert
Die neu eingestellte HR-Direktorin, die nach drei Monaten wieder gegangen ist, oder die ihre Erfahrung im Gespräch eindrucksvoller dargestellt hat als sie tatsächlich war — diese Situation hinterlässt das Unternehmen in einer schwierigeren Lage als zuvor. Vertrauen ist verbraucht. Zeit ist verloren. In dieser Situation ist es konsistent besser, zunächst eine Interim-Führungskraft zu engagieren: um die Funktion zu stabilisieren, das Anforderungsprofil zu schärfen und sicherzustellen, dass die nächste Festanstellung auf einem solideren Fundament steht.
Das Unternehmen tritt in den deutschen Markt ein
Internationale Unternehmen, die in Deutschland Geschäft aufbauen, treffen auf ein arbeitsrechtliches Umfeld, das sich von den meisten anderen Märkten grundlegend unterscheidet. Arbeitsverträge müssen dem Nachweisgesetz (NachwG) entsprechen, das seit der Reform 2022 eine schriftliche Bestätigung wesentlicher Arbeitsbedingungen ab dem ersten Arbeitstag verlangt. Betriebsräte können in jedem Unternehmen ab fünf dauerhaft Beschäftigten gewählt werden. Gesetzliche Mindestkündigungsfristen nach §622 BGB sind unabdingbar — unabhängig von Vertragsformulierungen. Eine Interim-Führungskraft mit tiefer Kenntnis des deutschen Arbeitsrechts kann die Compliance-Strukturen von Beginn an korrekt aufbauen. Das ist erheblich günstiger als eine nachträgliche Korrektur.
Wachstum hat die HR-Funktion überholt
Unternehmen, die schnell skalieren, stellen häufig fest, dass die HR-Strukturen, die für 80 Mitarbeitende ausreichend waren, für 300 nicht mehr tragen. Prozesse werden informell, Compliance-Lücken häufen sich, und das HR-Team — das auf operativer Ebene durchaus kompetent sein kann — verfügt nicht über die strategische Seniorität, um das Zielbild der Funktion zu entwerfen und umzusetzen. Eine Interim HR-Führungskraft kann den Ist-Zustand bewerten, die Funktion für die nächste Wachstumsphase gestalten, kritische Prozesse implementieren und das Profil für die spätere Festanstellung definieren — alles ohne die Einarbeitungszeit, die eine permanente Führungskraft benötigen würde.
Was eine Interim-Führungskraft anders macht als eine Beraterin
Der Unterschied ist nicht akademisch — er bestimmt die Struktur des Engagements und was das Unternehmen erwarten kann. Eine Beraterin analysiert, empfiehlt und übergibt in der Regel ein Konzept oder eine Handlungsempfehlung. Die Umsetzung liegt danach beim Unternehmen. Eine Interim-Führungskraft führt. Sie sitzt im Seat, verantwortet die Funktion, führt das Team und treibt die Umsetzung voran. Wenn der Betriebsrat eine Sitzung einberuft, ist die Interim-Führungskraft dabei. Wenn eine schwierige arbeitsrechtliche Entscheidung getroffen werden muss, trifft oder verantwortet sie sie direkt. Wenn das Führungsteam jemanden braucht, der die Personalstrategie im Board vorstellt, übernimmt sie diese Rolle.
Diese Unterscheidung ist im deutschen Kontext besonders relevant. Betriebsratsbeziehungen lassen sich nicht von außen managen. Sie erfordern jemanden, der eingebettet ist, kontinuierlich ansprechbar ist und mit dem nötigen Mandat handelt. Ein Beratungsverhältnis, das episodisch in die Organisation eintaucht, erfüllt diese Anforderung strukturell nicht.
Signale, die sofortiges Handeln erfordern
Mehrere konkrete Signale zeigen, dass die Situation Interim-Führung jetzt erfordert. Die HR-Funktion agiert reaktiv: Sie reagiert auf Probleme, anstatt sie zu verhindern. Arbeitsrechtliche Compliance wird nicht systematisch gesteuert. HR-Teammitglieder tragen Führungsverantwortung, für die sie nicht ausgestattet sind. Das Führungsteam verbringt erhebliche Zeit mit Personalthemen, die auf Funktionsebene gelöst werden müssten. Kommunikation mit dem Betriebsrat wird durch Linienmanager oder juristischen Beistand geführt statt durch HR. Eine Restrukturierung, Akquisition oder wesentliche Veränderung der Personalstruktur steht auf der kurzfristigen Agenda — und es gibt keine erfahrene Führungskraft, die den Prozess steuert.
Jedes dieser Signale allein genügt. Mehrere davon zusammen sind ein dringender Fall.
Das praktische Argument für schnelles Handeln
Die Kosten einer Senior Interim HR-Führungskraft in Deutschland — typischerweise 1.200 bis 2.000 Euro pro Tag für erfahrene HR-Direktoren oder CHROs — wirken isoliert betrachtet erheblich. Sie sehen anders aus, wenn man sie gegen die Alternative hält. Eine fehlerhafte oder zeitlich falsch eingeordnete Massenentlassungsanzeige nach §17 KSchG erzeugt Verzögerungen und Haftungsrisiken, die die Kosten erfahrener HR-Führung bei Weitem übersteigen. Eine Betriebsratsbeziehung, die über sechs Monate Vakanz beschädigt wird, ist aufwendig zu reparieren. Eine gescheiterte Festanstellung — statistisch bei etwa jeder dritten Senior-HR-Besetzung der Fall — kostet 50 bis 150 Prozent des Jahresgehalts und einen weiteren vollständigen Suchzyklus.
Für die meisten Unternehmen lautet die relevante Frage nicht, ob sie sich eine Interim-Führungskraft leisten können. Die Frage ist, ob sie sich leisten können, ohne sie auszukommen.
Verfasst von
Andrea Wexel
Gründerin, Wexel Consulting
