Wann braucht ein Unternehmen einen Interim CHRO?
Ein Interim CHRO ist keine Notlösung. Er ist die präzise Antwort auf bestimmte Unternehmenssituationen, in denen HR-Führung auf Vorstandsebene sofort gebraucht wird.
Definition: Was ist ein Interim CHRO?
Ein Interim CHRO ist eine erfahrene HR-Führungskraft auf Vorstandsebene, die auf Zeit und in Vollzeit in ein Unternehmen eingebunden wird. Er oder sie übernimmt die volle operative und strategische Verantwortung für die People-Funktion, ohne Onboarding-Periode von drei Monaten, ohne die Einschränkungen eines externen Beraters und ohne das politische Kapital, das eine Neubewerbung für eine Festposition mit sich bringt. Der entscheidende Unterschied zu einem klassischen Unternehmensberater: Der Interim CHRO sitzt in der Geschäftsführung oder berichtet direkt an sie, hat Entscheidungsbefugnis, trägt Personalverantwortung und ist täglich präsent. Mandate auf CHRO-Niveau dauern typischerweise sechs bis achtzehn Monate — ausreichend Zeit, um eine Transformation zu stabilisieren und die Nachfolge vorzubereiten. Seit 2020 hat der deutsche Interim-Management-Markt laut AIMP (Arbeitskreis Interim Management Provider) ein signifikantes Wachstum verzeichnet, insbesondere für seniore HR-Mandate in Transformationssituationen.
Die typischen Auslöser
Plötzlicher Abgang der HR-Führung
Der häufigste Auslöser für einen Interim CHRO ist der unerwartete Weggang des CHRO oder HR-Direktors. Kündigung, Krankheit, Aufhebungsvertrag: die Situation entsteht oft über Nacht. Und die Lücke ist sofort spürbar: Gehaltsrunden stehen an, ein Betriebsrat wartet auf Verhandlungen, eine laufende Restrukturierung muss weitergeführt werden. Drei bis sechs Monate für eine Festbesetzung zu warten ist in dieser Situation keine Option. Ein Interim CHRO überbrückt nicht nur die Vakanz. Er hält den strategischen Kurs, stabilisiert das HR-Team und stellt sicher, dass kritische Prozesse nicht ins Stocken geraten.
Strategische Transformation
Wenn ein Unternehmen eine fundamentale Transformation durchläuft, ob Geschäftsmodellwechsel, digitale Transformation oder vollständige Reorganisation, reicht HR als administrative Funktion nicht aus. Transformation erfordert HR-Führung, die auf Augenhöhe mit dem CEO und CFO arbeitet. Die Frage ist dann nicht: "Wer managt die Gehaltsabrechnung?" Die Frage ist: "Wer baut die Organisationsstruktur, die das neue Geschäftsmodell trägt? Wer steuert den Change-Prozess, ohne den das Vorhaben scheitert? Wer macht Transformation für die Mitarbeitenden handhabbar?" Diese Fragen verlangen einen Interim CHRO, nicht einen HR-Administrator.
Post-Merger-Integration
Fusionen und Übernahmen sind die Situationen, in denen HR-Führung auf Vorstandsebene am häufigsten unterschätzt wird. Kulturintegration, Harmonisierung von Vergütungsstrukturen, Vereinheitlichung von HR-Systemen, Umgang mit Doppelbesetzungen, Kommunikation in zwei oder mehr Belegschaften gleichzeitig: das ist Arbeit auf CHRO-Niveau. Unternehmen, die Post-Merger-Integration mit einer HR-Ebene unterhalb des Vorstands versuchen, sehen regelmäßig, dass die kulturelle Integration scheitert oder sich um Jahre verzögert. Ein erfahrener Interim CHRO kennt diesen Prozess und hat ihn mehrfach durchlaufen.
Restrukturierung
Bei einer ernsthaften Restrukturierung mit Stellenabbau, Betriebsratsverhandlungen, Sozialplänen und der Notwendigkeit, das verbleibende Team zu stabilisieren, braucht das Unternehmen jemanden, der diese Prozesse bereits geführt hat. Nicht jemanden, der sie zum ersten Mal lernt. Ein Interim CHRO mit nachgewiesener Restrukturierungserfahrung in Deutschland ist in dieser Situation eine direkte Risikominderung: rechtlich, prozessual und kommunikativ.
IPO-Vorbereitung oder Exit
Vorbereitung auf einen Börsengang oder einen Unternehmensverkauf stellt HR-Anforderungen, die intern oft nicht abgedeckt sind: Governance-Strukturen, Management-Incentive-Programme, Due-Diligence-Readiness, Harmonisierung von Vertragslandschaften, Dokumentation von HR-Prozessen für externe Prüfer. Diese Anforderungen kommen zeitlich komprimiert und verlangen jemanden, der sie kennt.
Skalierungsphase: wenn die Gründerstruktur an ihre Grenzen stößt
Schnell wachsende Unternehmen, Scale-ups zwischen 150 und 500 Mitarbeitern, erreichen regelmäßig einen Punkt, an dem die informelle HR-Führung durch Gründer oder einen Office Manager nicht mehr trägt. Bereits ab fünf dauerhaft beschäftigten Mitarbeitenden können Arbeitnehmer nach §1 BetrVG einen Betriebsrat gründen — ein Schwellenwert, den viele Unternehmen in der Wachstumsphase unterschätzen. Diese Unternehmen brauchen keine externe Beratung. Sie brauchen eine HR-Führungskraft, die intern wirkt, Strukturen aufbaut, eine People-Strategie entwickelt und das Unternehmen auf professionelle HR-Führung vorbereitet. Genau das leistet ein Interim CHRO in dieser Phase, mit dem Vorteil, dass er oder sie gleichzeitig bei der Auswahl und dem Onboarding der dauerhaften Führungskraft helfen kann.
Der Unterschied zwischen Interim CHRO und Interim HR-Direktor
Diese Unterscheidung ist in der Praxis wesentlich. Ein HR-Direktor verantwortet die operative Umsetzung der HR-Agenda: Recruiting, Payroll, HR Business Partnering, Compliance. Ein CHRO setzt die Agenda. Er oder sie sitzt an dem Tisch, an dem Unternehmensstrategie entschieden wird, und stellt sicher, dass die People-Dimension in diesen Entscheidungen präsent ist. Das Reporting ist verschieden: Ein HR-Direktor berichtet an den CHRO oder COO. Ein CHRO berichtet an den CEO oder ist direktes Mitglied der Geschäftsführung. Diese Unterscheidung bestimmt, wofür das Mandat geeignet ist. Unternehmen, die einen Interim CHRO mit CHRO-Budget engagieren, aber dann erwarten, dass er oder sie operativen HR-Routinebetrieb managt, haben die Anforderung falsch kalibriert.
Woran man erkennt, dass es eines Interim CHRO bedarf
Drei Indizien sind in der Praxis verlässlich. Erstens: Die Menschen-Themen landen direkt beim CEO oder CFO, weil niemand anders da ist, der sie auf Führungsebene aufgreift. Zweitens: Die aktuellen HR-Kapazitäten können die Entscheidungen, die in den nächsten sechs Monaten anstehen, nicht professionell begleiten. Drittens: Die Situation hat eine strategische Dimension, die Beratungssupport allein nicht abdeckt. Es braucht jemanden mit Entscheidungsbefugnis und täglicher Präsenz.
Mandatsdauer und Übergang zur Festbesetzung
Die typische Dauer eines Interim CHRO-Mandats liegt zwischen sechs und zwölf Monaten. Kürzere Mandate sind möglich, wenn der Auftrag klar definiert ist: Überbrückung, spezifisches Projekt. Längere Mandate entstehen, wenn die Situation komplexer ist als ursprünglich eingeschätzt oder wenn die Festbesetzung Zeit braucht. Der Übergang zur permanenten Besetzung sollte aktiv gestaltet werden: Der Interim CHRO sollte am Auswahlprozess der Nachfolge beteiligt sein, ein strukturiertes Onboarding der neuen Führungskraft übernehmen und die strategische Agenda dokumentieren. Unternehmen, die diesen Übergang nicht aktiv planen, verlieren bei jedem Wechsel an Momentum.
Verfasst von
Andrea Wexel
Gründerin, Wexel Consulting
